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Die Geschichte der Pest im Mittelalter
Einführung: die schreckliche Wirkung der Pest
„Einleitende Erklärung: Noch im 19. Jahrhundert, bevor der Pesterreger entdeckt wurde, rätselte die Wissenschaft über die Entstehung oder die Herkunft der Pest. Man konnte sich bis dato nicht endgültig erklären, was die Pestwellen verursachte. Erklärungsversuche setzten bei Naturkatastrophen an, die den großen Pestepidemien vorausgingen. So beeinflusst lesen sich manche der folgenden Zeilen wie eine Reise zurück in der Zeit, als Hilflosigkeit und Angst vor dem schwarzen Tod um sich griffen: Den weiteren Text ohne nostalgischen Wert haben wir versucht, an die neuesten medizinischen und geschichtlichen Erkenntnisse anzugleichen"
Eingeleitet und vorbereitet durch die heftigsten Erschütterungen im Leben der Erde und des sie umhüllenden Luftkreises, bricht aus dem fernsten Asien eine Pest hervor, um alle bekannten Länder zu überziehen und viele Millionen ihrer Bewohner ins Grab zu stürzen.
„Nicht die Verschiedenheit des Himmelsstriches" - dies sind die Worte eines der wichtigsten Berichterstatter, Covino's - „nicht der Süden oder die reine Luft des Nordens, nicht die Wärme noch Kälte des Klimas vermag die entsetzliche Krankheit aufzuhalten. Sie dringt in die Gebirge, wie in die Täler, in Binnenländer, wie zu Inseln, in Ebenen wie in hügeliges Gelände; nicht Wald noch See noch Sumpf lässt sie verschont. Sie folgt dem Menschen auf den Wellen des Ozeans, sie dringt in Dörfer, Lager und Städte. Vergebens wird die Kälte des Winters herbei gesehnt; die Seuche achtet nicht des Wechsels des Mondes und des Standes der Gestirne, nicht des feuchten Südwindes und des rauhen Nord. In gleichem Maaße sinken Männer und Frauen, Greise und Kinder dahin, am meisten aber dräut das Verderben hoffnungsvollen Müttern. - Bald Diesen, bald Jenen erfasst der Tod, und wenn es scheint, er wolle weichen, so erhebt er aufs Neue seine Wut; er wellt bald hier bald dort und herrscht jetzt an entlegenen, dann wiederum an nahen Orten."
Es scheint, als habe die Vorsehung beschlossen, das Geschlecht der Menschen durch eine allgemeine Seuche auszurotten. Bevor die Pest die Landstriche erreicht, macht sich Entsetzen in der Bevölkerung breit; sobald sie um sich greift entlockt sie den Menschen unendlichen Jammer, der noch lange danach bestehen bleibt. Selbst die Unerschrockensten verzagen bei einem Elend, das jeder menschlichen Hilfe mit Hohn begegnet. In langen Reihen streckt der Tod seine Opfer dahin. Nichts mehr hat dort einen Wert, wo das blühendste Leben, die üppigste Fülle der Kraft vergeht, wie ein Hauch des Windes. Alle göttlichen und menschlichen Gesetze sind gelöst, sobald die Pest um sich greift. Die heiligsten Bande des Blutes sind zerrissen; frei und ungescheut erhebt sich jedes Verbrechen und jedes Laster, denn es gibt keine Macht mehr, es zu verhindern und zu bestrafen, wenn Ordnungshüter und Richter der Pest zum Opfer gefallen sind.
Inhalt
Die Original-Quellen über die Pest
Überaus zahlreich sind die Nachrichten über den schwarzen Tod, die sich bei den damaligen Schriftstellern finden. Verhältnismäßig wenige von diesen Nachrichten aber stammen von Ärzten; ein günstiger Umstand hat dazu geführt, dass mehrere, und zwar äußerst wichtige, Aufschriebe von Ärzten seit der Herausgabe des Heckerschen Werkes ans Licht gekommen sind. Aber auch unter den von nichtärztlichen Zeitgenossen des schwarzen Todes herrührenden Urkunden befinden sich mehrere von großer Wichtigkeit.
Überlieferungen von Laien
Das bedeutendste Dokument aus der Zeit des ersten Auftretens der Seuche in Europa ist das von Gabriel de Mussis, das zuerst im Jahre 1842 von Henschel nach einer Handschrift der Rhediger'schen Bibliothek zu Breslau veröffentlicht worden ist. Gabriel de Mussis, ein angesehener Rechtsgelehrter aus Piacenza, lebte in den Jahren 1344 bis 1346 im Orient und beobachtete den Ausbruch des schwarzen Todes in der Krim. Er war unter den Italienern, die vor der Wut der Seuche in ihre Heimat flohen, sie aber unwissentlich mit in ihre Heimat trugen.
Daneben gibt es noch die Aufzeichnungen, die sich bei dem Exkaiser Kantakuzenes über das Auftreten des schwarzen Todes in Konstantinopel finden.
Die berühmteste aller Beschreibungen der Krankheit ist die, die der Verfasser des „Decamerone" von der Pest in Florenz entwirft. Von allen Zeitgenossen hat Keiner mit so lebendigen Farben das Bild des Schreckens ohne Beispiel und des unsäglichen Jammers gemalt, wie Boccaccio. - Ihm zur Seite stehen die erschütternden Klagen Petrarca's, des Dichters und Denkers, dem die schwarze Pest das Kleinod seines Lebens, Laura, entriss.
Dies sind die wichtigsten Nachrichten, die uns von Laien überliefert wurden.
Überlieferungen von Ärzten
Die Zahl der von Ärzten verfassten Urkunden ist seit der Herausgabe des Hecker'schen Werkes durch zwei sehr wichtige Schriftstücke vermehrt worden. Das eine, von dem Verfasser dieses Buches ans Licht gezogene, stammt von dem Italiener Dionysius Secundus Colle, das zweite von Littré entdeckte, von dem Belgier Simon von Covino, der als Arzt und Astrologe in Montpellier lebte.
Dionysius Colle beobachtete den schwarzen Tod des Jahres 1348 (den er selbst zu überstehen hatte) und die ihm folgende Epidemie des Jahres 1350 in Oberitalien, wahrscheinlich in der Nähe von Pesaro. Er bemerkt, dass in seiner Jugend eine ähnliche „Pestillentia peripneumonica" herrschte, die ebenfalls aus dem Orient kam.
Über die Lebensverhältnisse des Simon von Covino ist nur bekannt, dass er in Lüttich geboren wurde, als Lehrer aufgetreten war (im älteren Manuskript heißt er „scolaris"), die Doktorwürde erworben hatte (vielleicht in Paris – alle Nachrichten bei Littré nennen ihn „docteur de Paris") und als Astrologe einen sehr großen Ruf genoss.
Das Gedicht selbst ist in Montpellier verfasst und in Paris beendet worden. Es führt in den Handschriften den Titel: „De judicio Solis in convivio Saturni." Eine andere sehr alte Nachricht hat den Titel: „De convivio Solis in domo Saturni." Dieses besteht aus 1132 sehr guten Hexametern, denen in Prosa eine ausführliche Darlegung des Inhalts vorausgeht. Die wichtigste Bemerkung dieser Einleitung ist die, dass der Verfasser versichert, er beschreibe die Krankheit und ihre Verheerungen nicht mit dichterischen Ausschmückungen, sondern der Wirklichkeit gemäß, nach seinen eigenen, an verschiedenen Orten gemachten, Wahrnehmungen. („Et ultimo describo et declaro realiter et non poetice istam mortalilatem quoad suos effectus visos et probatos in diversis partibus.") - Der bei Weitem größte Teil des Gedichts ist astrologischen Inhalts und erst vom 1044sten Vers an folgt die Beschreibung der Seuche und ihrer Verheerungen.
Danach folgt das, was sich bei Guy de Chauliac findet, der fast einzigen ärztlichen Quelle, die zur Zeit Heckers bekannt war. Die Mitteilungen Guy's von Chauliac, des Leibarztes Urban's V., erhalten ihren Wert durch die hervorragende äußere Stellung und die ausgezeichnete wissenschaftliche Bildung ihres Verfassers. Sie beziehen sich auf das Auftreten des schwarzen Todes zu Avignon in der ersten Hälfte des Jahres 1348 und im Jahre 1360.
Die sozialen und politischen Zustände Europas zur Zeit der großen Pestepidemie
Die Verheerungen des schwarzen Todes fallen in eine der denkwürdigsten Epochen der Geschichte von Europa. Schon durch die Kreuzzüge war ein neuer Geist enstanden. Durch die Züge in das heilige Land war der Gesichtskreis der abendländischen Nationen unendlich erweitert worden; das Volk war zum Bewusstsein seiner Kraft erwacht; es fasste Vertrauen zu sich selbst, je mehr die Mächtigen, denen es sich bis dahin fast willenlos gefügt hatte, durch Übermut ihren Untergang vorbereiteten.
Aber der neue, bessere Zustand sollte nicht ohne schweren leiblichen und geistigen Kampf errungen werden. Am meisten wurde Europa durch den blutigen Krieg bewegt, der zwischen König Philipp von Frankreich und Eduard III. von England entbrannt war, seitdem das Haus der Valois den französischen Thron bestiegen hatte (im Jahre 1328). Mitten in die Schrecken dieses Krieges brach die schwarze Pest hinein.
In der Schlacht von Cressy (26. August 1346) hatten die Kanonen der Engländer 40.000 Franzosen dahingestreckt. Nach einer achtzehn-monatigen Belagerung bemächtigte sich Eduard der Stadt Calais; da brach die Seuche aus und brachte sowohl den Siegern als auch den Geschlagenen gleichmäßig fast den völligen Untergang.
Nicht weniger wurde Deutschland in dieser Zeit durch die so häufig wiederkehrende Verwirrung der Kaiserwahl zerrissen: Stephan, Kaiser Ludwigs Sohn, verheerte Bayern und Schwaben.
Dem Tode des Kaisers (11. Oktober 1347) folgte, mitten in den Verheerungen der Pest, die kurze Regentschaft Günthers von Schwarzburg (1349) bis endlich in dembselben Jahre Karl IV. das Zepter ergriff.
Genauso bewegt zeigten sich der Osten, der Süden und Norden von Europa. Dort entbrannte der Kampf der Polen gegen die Moskoviten; an den Ufern der Ostsee wurden die gerade bekehrten Esten durch die Unterdrückungen ihrer Fürsten zum Heidentum zurück "bekehrt”. Litauen wurde durch ihre Rache und die folgenden Verheerungen zur Einöde. In Italien wurden die bis dahin blühenden Republiken durch innere Zwietracht ihrem Untergang geweiht und man kann nicht sagen, wie viel der schwarze Tod zu diesem Untergang beigetragen hat.
Die Pest trat also zusammen mit politischen Unruhen auf. Aber nicht nur das, hinzu kamen große Hungersnöte, die durch schlimme Naturereignisse hervorgerufen wurden – auch schon bevor die Pest kam. Man schätzt, dass ein Drittel der gesamten Bevölkerung Europas in diesen Pestjahren starb.
Die Naturereignisse, die der Pest vorausgingen
Die Jahre vor dem Ausbruch der großen Pest wurden begleitet durch ungewöhnliche Naturereignisse, so dass die Menschen dachten, diese Naturereignisse seien die Vorboten der Pestepidemien. Aber schon diese Naturereignisse selbst brachten großes Elend über die Bevölkerung.
Übertreibungen bezüglich der Naturereignisse
Übertreibungen trugen noch zum Entsetzen der Menschen bei. So erzählt bspw. De Mussis, dass im Orient bei Kathay, "welches ist das Haupt der Welt und der Anfang der Erde”, schreckliche und entsetzliche Zeichen erschienen seien. Denn es fielen in einem dichten Regen Schlangen und Kröten zur Erde herab, drangen in die Wohnungen ein und töteten unzählige Menschen durch ihr Gift und durch Bisse mit ihren Zähnen.
Im Süden, bei den Indern, wurden durch Erdbeben die Wohnplätze zerstört und die Trümmer durch Feuerflammen, die vom Himmel fielen, verbrannt. Unzählige Menschen verbrannten in feurigen Dünsten und an manchen Orten fielen Ströme von Blut und Steine vom Himmel.
In Deutschland wurde erzählt, es seien durch verderbliche Einwirkungen der Gestirne in dem Land, "wo der Ingwer wächst”, Tiere und Menschen zu Stein geworden; es sei ein tödlicher mit Schlangen gemischter Regen und Feuer vom Himmel gefallen, der selbst Steine zerstörte und dadurch einen verpestenden Rauch verursachte. Nach diesem Rauch sei dann die Seuche gefolgt. Durch Kaufleute und Augenzeugen dieser Ereignisse sei dann die Krankheit nach Griechenland und Italien gebracht worden.
Berichte über Naturereignisse, die die frühere Forschung beeinflussten
Asien
Den frühesten Schauplatz dieser Ereignisse bildet der ferne Osten Asiens. Nach den Berichten chinesischer Chronisten wurden in den weiten Länderstrecken mit dem Namen "Kathay”, welches das heutige China und einen großen Teil der Tartarei umfasste, schon seit dem Jahr 1333 die Naturgewalten entfesselt. Es gab eine versengende Dürre, der eine Hungersnot folgte. Dann, in der Gegend von King-sia, der damaligen Hauptstadt des Reiches, bewirkten unendliche Regenfluten eine Überschwemmung, bei der Tausende von Menschen umkamen (derAutor spricht von 400.000). Bald daruf stürzte Gebirge in sich zusammen. Im Jahr darauf folgten wieder Überschwemmungen in der Gegend von Canton; in Tche folgte auf eine beispiellose Dürre eine Pest, durch die Millionen Menschen hinweggerafft wurden (der Autor spricht von 5 Millionen). Noch im selben Jahr ereigneten sich in anderen Provinzen des Reiches Erdbeben. Von Neuem wiederholten sich im Jahr 1336 die Trockenheit der Luft und die Überflutungen der Gewässer. Noch größeres Unheil soll im Jahr 1337 durch ein sechstägiges Erdbeben verursacht worden sein; in der Gegend von Kiang erlagen Millionen Menschen dem Hungertod, nachdem unabsehbare Heuschreckenschwärme und Überschwemmungen die Felder verwüstet hatten. Bis zum Jahre 1347 wechselten in China Überschwemmungen, Erdbeben und Hungersnöte miteinander ab.
Durch ähnliche Ereignisse wurde nach den Berichten glaubwürdiger Schriftsteller auch im übrigen Asien, Afrika und Europa die Ausbreitung des schwarzen Todes eingeleitet. Der Ätna brach im Jahr 1333 aus. Weiterhin werden heftige Erderschütterungen in der Periode der Herrschaft des schwarzen Todes von der Mehrzahl der Berichterstatter angeführt. Besondere Zerstörung richtete das Erdbeben vom 25. Januar 1348, also während der Verbreitung der Pestepidemie, in Griechenland, Italien und Kärnthen an. Diesem Erdbeben folgten schwächere Nachbeben, bis am 2. Februar 1348 heftige Erschütterungen, deren Auswirkungen bis in die skandinavische Halbinsel hinauf wahrgenommen wurden, vorkamen. Durch einen Orkan und die andringenden Meeresfluten wurde die Insel Zypern in eine Wüste verwandelt, nachdem bereits vorher die schwarze Seuche unglaubliche Verheerungen angerichtet hatte.
Dasselbe Erdbeben zerstörte in der Lombardei und der Grafschaft Göritz fünfzig blühende Städte: in Kärnthen wurden Berge von der Stelle bewegt; in der Stadt Villach, wo das Ereignis zur Zeit des Gottesdienstes eintrat, fand ein großer Teil der Einwohner durch den Einsturz der Kirche einen jähen Tod; auch noch dreißig andere Orte in Kärnthen wurden fas gänzlich verwüstet und viele Einwohner unter den Trümmern ihrer Wohnungen begraben. In Istrien spaltete sich die Erde in Form eines Kreuzes, welchem Blut und Wasser zu entströmen schienen. Dieselbe Erderschütterung wurde am 26. Januar 1348 in Modena, wo sie sich am 7. Februar wiederholte, in Parma und Rom bemerkt, wo die Peterskirche beträchtliche Beschädigungen erlitt. In Schwaben, Bayern und Mähren stürzten Schlösser und Burgen zusammen; alte Quellen versiegten, neue entstanden. "Wir sahen”, heißt es in dem Bericht eines Augenzeugen im Kloster Weihenstephan bei Freising über das Erdbeben am Tage von Pauli Bekehrung, "wir sahen die größten Bäume in den Wäldern durch die Bewegung aneinanderstoßen; wir sahen bei diesem Zittern der Erde die Flüsse auslaufen und auch das hellste und klarste Wasser trübe werden. Zu dieser Stunde waren die Leute wie unsinnig und hatten Kopfschmerzen. Wenn sie gingen, so verirrten sie sich unterwegs, wollten sie aber stehen, so konnten sie nicht stehen bleiben.
Acht bis vierzehn Tage dauerten in mehr oder weniger heftigen Graden diese Erschütterungen, um sich mit geringerer Heftigkeit im Jahr 1349 in Polen, England und dem nördlichen Europa zu wiederholen, und erst im Jahre 1360 ganz nachzulassen.
Nicht weniger Ungewöhnliches bot in dieser Zeit der Anblick des Himmels den erschreckten Gemütern. Es war vor Allem ein Komet, der am östlichen Himmel, den langen Schweif nach Westen gekehrt, sich zeigte und durch die ungewöhnliche Mattigkeit seines Scheines allgemeinen Schrecken verbreitet.
Hell leuchtende Meteore von ungewöhnlicher Größe sollten in Asien nach der Meinung Einiger durch die giftigen Dünste, die ihrem Inneren entströmten, nachdem sie zur Erde gestürzt waren, als unmittelbare Ursachen der verheerenden Seuche anzusehen sein. Vor dem Herannahen des schwarzen Todes (im August 1348) sichtete man in Paris einen Meteor von ungewöhnlichem Glanz, der sich aber am Himmel nicht bewegte.
Über das Verhalten der Temperatur der Atmosphäre finden sich natürlich in den Nachrichten des 14. Jahrhunderts nur sehr allgemeine Angaben. Abgesehen von China, wo entsetzliche Dürre als Veranlassung großer Hungersnot genannt wird, so scheint in Europa, im Süden wenigstens und im Sommer, die Witterung sich bereits mehrere Jahre vor dem schwarzen Tod durch Wärme und Feuchtigkeit ausgezeichnet zu haben. Mit Bestimmtheit wird zumindest von Colle versichert, die Luft sei seit mehreren Jahren neblig und warm gewesen. Einige Berichte gedenken für 1348, das Ausbruchsjahr des schwarzen Todes im mittleren Europa, z. B. aus Schleswig-Holstein, einer mit sonstiger "schädlicher Beschaffenheit der Luft” verbundenen Winterkälte, die für viele Menschen tödlich war. Daher kam wohl auch die ungewöhnliche Raubgier wilder Tiere, über die wir von anderen Orten erfahren. Wölfe drangen bis in das Innere der Häuser vor und entrissen Säuglinge den Armen ihrer Mütter. Eines durch Dürre verursachten Misswachses wird in Holstein für das Jahr 1350 gedacht.
Sorgfältiger schon sind die Berichte über die während der Herrschaft der Seuche wahrgenommenen Störungen im Gleichgewicht der Atmosphäre und der Gewässer. Vor Allem ist des Orkans zu gedenken, der das bereits erwähnte Erdbeben vom 25. Januar 1348 begleitete. So ging ferner dem Ausbruch der Seuche in Dänemark ein gewaltiger Sturm voraus (am Martinstag 1349). Das verheerendste Ereignis dieser Art aber war die Sturmflut vom 1. Januar 1354, die, gleich der großen Flut 400 Jahre später, dieselben Gegenden betraf, weit und breit die Küsten der Nordsee verwüstete.
Unter den Wirkungen dieser gewaltigen Schwankungen im Gleichgewicht des Luft- und Wassermeeres ist zunächst der Überschwemmungen zu gedenken, denen in dieser Zeit die Ufer des Ozeans und der großen Ströme in vielen Gegenden Asiens und Europas ausgesetzt waren.
Für das Jahr 1338 berichte holsteinische Geschichtsquellen von einer Überschwemmung, die, wie es scheint, hauptsächlich durch vierzig Tage und Nächte anhaltende Regengüsse entstand und vornehmlich dadurch schädlich wirkte, dass sie die Wege verdarb und auf diese Weise die Zufuhr der wichtigsten Lebensbedürfnisse, besonders des Salzes, unmöglich machte. Die Berichte gedenken gerade dieses letzten Umstandes als einer Hauptursache der in derselben Zeit unter den Menschen und dem Vieh grassierenden Krankheiten.
Die nächsten Nachrichten über derartige Naturereignisse betreffen das Jahr 1342. In Frankreich wurden die Fluren durch Wasserwogen verheert, die man nicht bloß von den reichlich strömenden Regengüssen (und dem reichen Schneefall des vorausgegangenen, durch Kälte gezeichneten Winters) ableiten konnte, sondern die aus dem Innern der Erde selbst an vielen Orten hervorzubrechen schienen. In Deutschland wurden ganze Städte unter Wasser gesetzt, zu Köln, Erfurt und an vielen anderen Orten die Brücken weggerissen usw.
Das Jahr 1343 zeichnete sich ebenso durch beständigen Regen und Feuchtigkeit sowie durch Überschwemmungen des Rheins und Mains aus.
Übersicht der Verbreitung des schwarzen Todes
Über den Gang und die Richtung der Pest außerhalb Europas etwas einigermaßen Zuverlässiges zu sagen, ist unmöglich. Selbst von den europäischen Berichterstattern haben nur wenige mit einiger Genauigkeit die Zeit des Ausbruchs und der Aufhörens der Seuche in den einzelnen Ländern und Orten aufgezeichnet.
Örtliche Ausbreitung
Aus der unten gezeigten Zusammenstellung dieser Nachrichten ergibt sich, dass der schwarze Tod in Europa am frühesten in Sizilien, Zypern, Griechenland, Sardinien und Korsika ausbrach. Von diesen Punkten aus verbreitete sich die Krankheit dann über Italien, von den südlichen Küsten her über Spanien und Frankreich. Gleichzeitig wurden dann England (von Frankreich her) und Dalmatien befallen. Von letzterem Punkt und vom Rhein aus verbreitete sich die Krankheit über Deutschland, während gleichzeitig von England aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Schleswig-Holstein ergriffen wurden. Von Süden und von Norden her trafen beide Züge der Seuche in Norddeutschland zusammen, während zu derselben Zeit in östlicher Richtung Ungarn, Böhmen, Polen und zuletzt auf gleiche Weise erst das mittlere, dann das nördliche und südliche Russland überzogen wurden.
Zeitliche Ausbreitung
In zeitlicher Hinsicht steht fest, dass, nachdem Sizilien schon 1346 befallen war, im Jahr 1347 sich die Seuche auf Zypern, Griechenland, die Inseln des Mittelmeeres, einen Teil Italiens und die südfranzösische Küste beschränkte. Im Jahr 1348 finden wir den schwarzen Tod in Mittelitalien, Frankreich, Spanien, England, Norwegen, Schleswig-Holstein, Jütland und Dalmatien, im Jahr 1349 in ganz Deutschland, 1350 und 1351 in Polen und Russland.
Danach ist ersichtlich, dass die Krankheit in ihrer pandemischen Verbreitung zunächst mit Entschiedenheit eine von Osten und Süden nach Wesen und Norden sich erstreckende Richtung verfolgte, während sie sich zugleich teils von den befallenen Gegenden des südlichen Europas aus, aber mit weit geringerer Entschiedenheit, nach Norden verbreitete, teils in nordöstlicher Richtung von England aus zu den skandinavischen Reichen, von Deutschland aus nach Polen und Russland vordrang.
Zeitpunkte- und Orte der Pestfälle
1346
Sizilien. Einzelne Punkte von Italien.
1347 Frühling
Konstantinopel
Sommer
Zypern. Griechenland, Malta, Sardinien, Korsika. Einzelne Städte Italiens.
Anfang November
Marseille.
1348 Anfang des Jahres
Spanien (Almeria), Südfrankreich (Avignon).
Anfang der Fastenzeit
Narbonne.
März
Modena
Frühling
Florenz. Languedoc. Gascogne. Franche-Comté.
Mai
Valencia (Spanien).
Juni
Piacenza. Padua.
Mitte Juni
Valencia (Höhe der Epidemie). Barcelona. Perugia.
Mitte des Sommers
Paris. Rom.
Anfang August
Südengland. Schleswig-Holstein.
September
Saragossa (Höhe der Epidemie).
Anfang November
London. Norwegen (Bergen).
Dezember
Dalmatien. Jütland.
1349 Januar
Kärnthen (Villach).
Ende Januar
Polen.
Frühling
Wien. Frankfurt am Main.
Ende Mai
Ende der Epidemie in England.
August
Lübeck. Schleswig (Stadt). Danzig. Thorn. Elbing.
1350
Russland
Menschenverluste
Die Verheerungen, die der schwarze Tod verursachte, stehen in der Geschichte der Epidemien ohne Beispiel da. Es scheint uns, dass z. B. die durch die Cholera bewirkte Sterblichkeit, mit der des schwarzen Todes verglichen, unbedeutend ist. Wenn auch die meisten Aussagen übertrieben sind, gibt es noch glaubwürdige Berichte, nach denen in vielen Gegenden ein Drittel, in manchen sogar die Hälfte der Bewohner oder mehr hinweggerafft wurden.
In Europa wütete die Seuche am furchtbarsten in Italien. Nach zuverlässigen Angaben verlor dieses schöne Land im Schnitt die Hälfte seiner Bewohner. Gesichert scheint, dass an vielen Orten, z. B. in Padua, zwei Drittel der Einwohner starben, und dass die gleichen Todeszahlen auf Sardinien und auf Korsika eintraten.
Nicht weniger entsetzlich waren die Verheerungen, die Spanien heimsuchten. Die Insel Mallorca verlor vier Fünftel ihrer Bewohner: 15.000 Menschen. Zurita berichtet, dass von hundert Erkrankten achtzig starben. Andere spanische Geschichtsschreiber, Mendez Silva und Sarmiento, die Morejón anführt, sagen, dass seit der Sintflut kein so großes Sterben herrschte. Das Land verödete, die Kirchen wurden zu Ruinen, weil Niemand da war, der für ihre Erhaltung sorgte. Weite Landesstrecken wurden herrenlos und von dem Erstbesten in Besitz genommen.
Ähnliches begab sich in Frankreich. Hier blieb an einzelnen Orten nur ein Zehntel der Bewohner am Leben; kleinere Wohnplätze starben nicht selten völlig aus. In Avignon war die Sterblichkeit so groß, dass man sich entschloss, die Leichen der Rhone zu übergeben, die Clemens VI. zu diesem Zweck feierlich weihte. In Marseille starb mehr als die Hälfte der Einwohner. In Straßburg starben, obwohl die Krankheit hier schwächer auftrat, 16.000 Menschen.
Das gleiche Bild bietet sich in England, wobei schon berichtet wurde, dass die gebirgigen Gegenden Irlands weniger litten. Auch in der Schweiz geschieht die Seuche vorzugsweise in den tieferen Gegenden, Basel, Zürich, Luzern und eine Angabe aus diesem Land, die Seuche hätte mehr in den höheren Gegenden geherrscht, ist nur vereinzelt zu finden.
Auf ähnliche Ursachen ist es vllt. Zurückzuführen, dass Deutschland, wie ein französischer Chronist bemerkt, verhältnismäßig weniger litt. Damit stimmt überein, dass die Chronik des Klosters Neuburg an der Donau die durch den schwarzen Tod bewirkte Sterblichkeit auf ein Drittel der Bevölkerung schätzt; Gmeiner dagegen gibt für Bayern durchschnittlich nur ein Achtel der Bevölkerung an, wobei trotzdem einige Dörfer ausstarben. Genau so Grauen erregend wie in Südeuropa, war dagegen die Verheerung des schwarzen Todes im Norden Deutschlands. In Holstein starben zwei Drittel, in Schleswig vier Fünftel der Einwohner.
Die Gesamtzahl der Opfer beläuft sich nach heutigen Forschungen (2009) auf ein Drittel der gesamten damaligen Bevölkerung Europas, das sind 25 Millionen Menschen, wenn man davon ausgeht, dass in allen Ländern Europas zusammen etwa 75 Millionen Menschen gelebt haben. Diese Zahl ist ein Durchschnittswert, es darf also nicht übersehen werden, dass in manchen Gegenden mehr und ich manchen Gegenden weniger Menschen starben, wie z. B. in den gebirgigen Gegenden.
Dennoch könnten wir kaum erklären, wie diese Verluste in so kurzer Zeit wieder ersetzt werden konnten, wenn nicht schon damals allgemein beobachtet worden wäre, dass die in sehr großer Zahl nach der Epidemie geschlossenen Ehen überaus fruchtbar waren, und dass sehr häufig Zwillingsgeburten vorkamen und somit in kurzer Zeit die Verluste wieder ausgeglichen wurde.
Aufstellung der Pesttoten aus den Quellen
In Italien
- Florenz 6.000
- Venedig 100.000
- Siena 70.000
- Neapel 60.000
In Frankreich
- Avignon 60.000
- St. Denis 16.000
- Paris 50.000
In England
- London über 100.000
- Norwich 50.100
Im damaligen Deutschland
- Luzern 3.000
- Basel 14.000
- Straßburg 16.000
- Colmar 6.000
- Erfurt über 16.000
- Weimar 5.000
- Limburg 2.500
- Memmingen 2070
- Wien 40.000
- Lübeck 9.000
- Danzig 13.000
- Thorn 4.300
- Elbing 7.000
Dazu kommen noch:
- Minoriten in Italien 30.000
- Barfüßermönche in Deutschland 124.434
Sehr interessant ist noch der von Chalin de Vinario aufgestellte Vergleich der Sterblichkeit durch die Pest im Laufe der Zeit.
Im Jahre 1348 erkrankte von der Bevölkerung zwei Drittel an der Pest. Davon überstand fast Keiner die Krankheit.
Im Jahre 1361 erkrankte von der Bevölkerung die Hälfte an der Pest. Davon überstanden nur Wenige die Krankheit.
Im Jahre 1371 erkrankte von der Bevölkerung ein Zehntel an der Pest. Davon überstanden Viele die Krankheit.
Im Jahre 1382 erkrankte von der Bevölkerung ein Zwanzigstel an der Pest. Davon überstanden die Meisten die Krankheit.
Man erkennt aus den vorangegangenen Texten also zwei Tendenzen, die die Menschen nur durch Beobachtung herausgefunden hatten:
Erstens: In gebirgigen Gegenden starben weniger Menschen, im Mittelmeerraum mehr. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Menschen im Gebirge nicht so dicht gedrängt lebten.
Zweitens: Im Laufe der großen Pestepidemie starben, nach obiger Aufstellung, immer weniger Menschen an der Pest und immer mehr überstanden die Krankheit. Es scheint so, als hatten manche Menschen von vornherein eine Immunität gegen den Pesterreger. Diese Menschen überstanden die verschiedenen Pestschübe, während die „nicht Immunen" starben. Und am Ende gab es hauptsächlich noch Immune, so dass auch weniger Menschen starben.
Erscheinungsbilder der Krankheit
Einleitende Erklärung:
Wenn der Erreger der Beulenpest (yersinia pestis) direkt in die Lunge eines Menschen gerät, so kann dieser an Lungenpest erkranken und zeigt somit auch die Symptome der Lungenpest. In diesem Fall bleiben die Symptome der Beulenpest, die Karbunkel, aus. Dies wird übrigens primäre Lungenpest genannt. Die sekundäre Lungenpest tritt auf, wenn der Pesterreger über die Blutbahn die Lunge befällt. Bei beiden Erkrankungen jedoch, bleiben die Symptome der Beulenpest aus. Bei den folgenden Schilderungen muss auf die verschiedenen Auswirkungen des Pesterregers geachtet werden. Befällt der Pesterreger zuerst den Körper oder die Lunge? Daneben gibt es noch die seltenere Pestsepsis (Eintritt der Erreger in die Blutbahn) und die Pestmeningitis (wenn der Erreger die Hirnhäute befällt).
Covino bemerkte eine ungewöhnliche Blässe auf den Gesichtern der Menschen, die dem Befall durch die Pest vorausging. Dazu gesellte sich ein übler "bitterer” Geruch des Atems.
Der Tod erfolgte, wie in allen Pest-Epidemien, urplötzlich durch die lähmende Macht des Entsetzens oder unter den Erscheinungen des Schlaganfalls. So wurde es z. B. in Westphalen und an der Nordsee beobachtet. Unzähligen Anderen brachten Blutungen aus den Lungen oder Nase den Tod, noch bevor sich die übrigen Erscheinungen entwickeln konnten. Wieder in anderen Fällen brach die Krankheit sofort mit ihren bekannten Symptomen aus. "Mitten in den Freuden des Mahles oder des Spieles empfinden die plötzlich Befallenen Schmerz in der Leistengegend; es entsteht Geschwulst, Fieber und, unmittelbar darauf, der Tod.” In diese entsetzliche Kürze fasst Covino den Verlauf der Krankheit zusammen.
Sehr häufig entfaltete der schwarze Tod aber auch einen bestimmten Krankheitsprozess. In dieser Hinsicht sind die Angaben Guys von Chauliac über die Epidemie in Avignon die wichtigsten.
Beschreibung von Guy de Chauliac
Abweichend von allen übrigen Beobachtern unterscheidet Guy von Chauliac die Epidemie in zwei scharf voneinander abgegrenzte Zeiträume. In beiden Perioden bildet ein „anhaltendes Fieber" die Grundlage der Erscheinungen. In den ersten zwei Monaten war, neben dem Fieber, Blutspucken das auffälligste Symptom; der Tod erfolgte dann nach drei Tagen. Im zweiten Zeitraum gesellten sich zu den Erscheinungen der „Febris continua" (anhaltendem Fieber) die Symptome der Beulenpest und die Kranken erlagen in fünf Tagen. Die erste Form des Krankheitsverlaufs übertraf aber die zweit Form an Ansteckungsfähigkei.
Eine so scharfe Trennung findet sich ausschließlich bei Guy von Chauliac. Trotzdem können wir sie als zutreffend ansehen, denn der Umstand unter denen der Autor seine Angaben machte, deckt sich mit Beobachtungen aus anderen Gegenden. Denn die Zeit, als Guy de Chauliac die Pest zu Avignon beschrieb, fiel in die Wintermonate, die wahrscheinlich die Auswirkungen der Ansteckung auf die Respirationsschleimhaut begünstigten, so wie sie auch für die Ausbildung der Drüsenaffektionen hinderlich waren. Dieser Umstand deckt sich also mit folgenden Beobachtungen: Die Mehrzahl derjenigen Überlieferungen, in denen als das Hauptsymptom des schwarzen Todes Blutungen aus der Nase und den Lungen hervorgehoben werden, entstanden in kälteren Gegenden, namentlich in England und hauptsächlich in Norwegen und Russland. In England, wo die Hauptverbreitung der Krankheit in den Winter fiel, wurden die Kranken häufig durch Blutspeien oder Blutbrechen entweder sogleich, innerhalb von 12 Stunden oder höchstens zwei Tagen hinweg gerafft. In Norwegen, wo die Epidemie im November ausbrach, schildert Torfaeus den schwarzen Tod als ein durch Lungenblutungen binnen zwei bis drei Tagen tödliches Übel. Ebenso werden in Russland als Haupterscheinungen Lungenblutungen und schwarze Flecken der Haut genannt.
Die Beschreibung von Dionysius Colle
Der Schilderung Chauliac's stellt sich die von Dionysius Colle an die Seite. Dieser Arzt drückt seine Meinung über die Natur der Seuche gleich in den ersten Worten seiner Beschreibung mit Bestimmtheit aus. Die Krankheit ist ihm eine „Pestilenz mit Blutspeien". Der weitere Zusatz, der in der Krankheit die Merkmale einer bösartigen und ansteckenden Peripneumonie (Erkrankung der Lunge und Umgebung) erkennt, dient nur zur Erläuterung und stammt vielleicht nicht einmal vom Verfasser selbst, sondern vom seinem Herausgeber. Außerdem hält es Colle für nötig, die Zufälle des Grundleidens, der „Febris continua" im Einzelnen darzulegen: die schwarze und trockene Zunge, die Delirien und die Ausbrüche der Wut; die Angst und die Schmerzen in der Herzgegend, die Beschleunigung des Atems, den Husten, den Auswurf von mancherlei Art; den trüben, häufig schwarzen Harn, die schwarzen Stühle; das schwarze, missfarbige Blut; zu all diesen Erscheinungen treten die eindeutigen Symptome der Pest hinzu: Petechien (kleine Blutungen aus den Zwischenräumen der Haut), Anthraces und Karbunkel (die mit Eiter gefüllten Beulen).
Die Beschreibung von Simon von Covino
Beim dritten Arzt, dem wir eine Beschreibung des schwarzen Todes verdanken, Simon von Covino, finden sich nur ganz allgemeine Angaben, in denen aber wiederum eine Teilung der Krankheitsfälle in zwei Gruppen stattfindet. Die Verderbnis der Säfte (siehe Säftelehre) erregt zunächst einen heftigen brennenden Schmerz in der Leiste, häufig auch unter den Achseln oder sie ergießt sich über die wichtigsten Lebensorgane, das Herz und die Lungen. An einer späteren Stelle schildert Covino den schwarzen Tod einfach als eine Beulenpest. Das Bluthusten erwähnt er nicht, aber eben so wenig die Petechien, die Karbunkeln und viele anderer Pestsymptome.
Die Beschreibung von de Mussis
Die Beschreibung de Mussis ist hauptsächlich deshalb wichtig, weil sie lehrt, dass der schwarze Tod schon in der Krim mit den Symptomen der Beulenpest einher ging. Die Krankheit begann nach dieser Beschreibung mit heftigen stechenden Empfindungen, denen ein starker Frost und dann der Ausbruch harter Karbunkeln unter den Achseln und in der Leistengegend folgte. Nun erst entwickelte sich ein überaus hitziges Faulfieber mit heftigem Kopfschmerz und tiefer Betäubung. Hierzu gesellte sich ein unerträglich übler Geruch der Kranken (an den Atem der Kranken gebunden, ein Symptom, das in mehreren Überlieferungen von Laien besonders betont wird). Bei Anderen stellte sich blutiger Auswurf ein, gegen den kein Heilmittel etwas auszurichten vermochte. De Mussis fügt hinzu, dass sich bei Manchen „Anschwellungen" (wahrscheinlich Karbunkel) in der Nähe der am heftigsten ergriffenen inneren Organe, am Rücken und auf der Brust, ausbildeten. Der Tod erfolgte manchmal schon am ersten oder zweiten, häufiger am dritten bis fünften Tag. Hart bleibende Karbunkel waren immer, tiefe Schlafsucht und das Auftreten des üblen Geruchs in der Mehrzahl der Fälle sichere Vorzeichen des Todes.
Die Beschreibung von Kantakuzenes
Ähnlich wie de Mussis unterscheidet auch Kantakuzenes in seiner überaus wichtigen Beschreibung drei Formen der Krankheit. Bei Einigen trat der Tod schon am ersten Tag, ja sogar in der ersten Stunde ein, ohne dass sich ein besonderes Leiden einzelner Organe ausbilden konnte. Bei Anderen verlängerten sich die Leiden bis zum dritten Tag, unter einer doppelten Reihe von Symptomen. Die Einen litten an dem heftigsten Fieber, verloren die Fähigkeit zu reden und fielen in Schlafsucht. Kamen sie aus der Schlafsucht wieder zu sich (ein seltenes Ereignis), so versuchten sie zu reden, gaben aber bald darauf ihren Geist auf. Bei den Übrigen ergriff die Krankheit nicht den Kopf, sondern die Lungen. Unter heftigen Schmerzen der Brust warfen sie blutgefärbte Stoffe aus. Den inneren Organen entstieg ein ungewöhnlicher und übel riechender Atem. Hierzu traten Austrocknung der Zunge und des Schlundes, unlöschbarer Durst, Schlaflosigkeit und die Qual beängstigender, überall verbreiteter Empfindungen. Bei dieser Form brachen rote und schwarze Flecken und Stippchen in verschiedenen Abstufungen der Dichte und Sättigung hervor. Hierzu kamen Karbunkel an den Armen, den Kiefern und an anderen Körperstellen (die Kantakuzenes, offenbar aus Schicklichkeit, nicht nennt), die, wenn sie reif werden, häufig die Genesung zur Folge hatten. Schließlich führt auch Nicephorus neben den Karbunkeln das Blutspucken an.
Diese Beschreibungen genügen, um das Bild der Symptome zu entwerfen, die die furchtbare Seuche hervorrief. Die Angaben aller übrigen Beobachter stimmen vollständig mit ihnen überein. Man kann höchstens noch anführen, dass nach Angaben von Boccaccio in Florenz und Italien überhaupt, kein Nasenbluten beobachtet wurde, das jedoch im Orient als sicheres Todeszeichen gegolten hatte. Die Neuburger Chronik schildert den schwarzen Tod als eine Beulenpest und als das gefährlichste Symptom derselben das Blutspeien. Die größte Mehrzahl der nichtärztlichen Darstellungen nennt und beschreibt den schwarzen Tod einfach als Drüsenpest.
Als letzte Erklärung von abweichenden Schilderungen soll erwähnt sein, dass einer der zuverlässigsten ärztlichen Berichterstatter, Colle, unter den Erscheinungen des schwarzen Todes Durchfälle, Geschwüre, Anfressungen der Nase und Gangrän der Füße anführt. Hier liegt die Vermutung nahe, dass bei diesen Symptomen, die gerade in Oberitalien, dem Beobachtungskreis Colle's, eine schwere Hungersnot und die Verunreinigung des Getreides mit Mutterkorn ihren Anteil hat. Diese Vermutung liegt umso näher, da Petrarca und Sigmund von Birken ausdrücklich sagen, es seien gleichzeitig drei Krankheiten aufgetreten: die Pest, die rote Ruhr und das heilige Feuer.
Ärzte und Behörden
Pflichtbewusste Ärzte
Die Geschichte ist es schuldig, den Ärzten zu gedenken, die sich unter großen Gefahren der Beschreibung der Pest verschrieben haben, um für die Nachwelt Überlieferungen zu hinterlassen, die bei der Aufklärung zu helfen sollten, die Pest zu besiegen. Während die Bevölkerung die befallenen Gebiete fluchtartig verließ, blieben manche pflichtbewussten Ärzte zurück, um zu helfen. Viele bezahlten dafür mit dem eigenen Leben, wie z. B. Die Ärzte von Montpellier und Venedig. So blieb auch Guy von Chauliac auf seinem Posten, „um der Schande zu entgehen" und erduldete einen lebensgefährlichen Befall durch die Krankheit.
Maßnahmen gegen die Pest
Die von den damaligen Ärzten empfohlenen Mittel waren dieselben, denen man schon lange Zeit davor und noch danach vertraute. Die prophylaktischen Maßregeln waren zum Teil darauf gerichtet, die schlechte Luft zu verbessern und zum anderen Teil Zur Reinigung der Luft bestanden sie in dem einfachen Rat, die Krankheit durch Absperrung fernzuhalten oder sich ihr durch Flucht zu entziehen.
Zur Reinigung der Luft benutzte man ein altes, sehr zweifelhaftes Verfahren: das Anzünden großer Feuer auf den Straßen und in den Wohnungen. Papst Nicolaus ließ solche Feuer in seinem Palast in Rom entfachen, mitten in der Hitze der Hundstage. Häufig verbrannte man harzige Substanzen und allerhand Rich- und Waschmittel, die noch im 17. Jahrhundert angepriesen wurden zur Vertreibung der Pest. Colle riet dazu, sich durch das Einatmen von Salpeter oder Schießpulver zu schützen. Mit unglaublicher Umständlichkeit befassten sich die damaligen Schriftsteller damit, Diäten zum Schutz vor der Pest zu beschreiben, besonders die Auswahl von Speisen und Getränke betreffend.
Die eigentlichen Heilmittel des schwarzen Todes sind in so ausschweifenden Empfehlungen vorhanden, dass wir hier nicht darauf eingehen. Die verständigsten Ärzte beschränkten sich auf den Versuch, das Fieber zu senken, die unmittelbar lebensgefährlichen Symptome, wie Blutungen, zu beseitigen und, vor Allem, den Ausbruch und das Aufplatzen der Karbunkel zu beschleunigen. Außerdem stand der Aderlass in großem Ansehen, genau so wie die übrigen Mittel, mit denen man die Entleerung der verdorbenen Säfte erwartete. Erfreulicherweise wehrte sich schon Colle zur Zeit des schwarzen Todes gegen den Missbrauch des Aderlasses zu jedem erdenklichen Anlass. Später wandte sich auch Chalin gegen den Aderlass, der, trotz der Warnungen unzähliger Ärzte, immer wieder, vor Allem auch während großer Epidemien, häufig angewandt wurde. Colle beobachtete, dass der Aderlass eine tödliche Wirkung hatte. Positiv hingegen bewertete er den innerlichen Gebrauch des Lärchenschwammes (Boletus Laricis).
Maßnahmen durch Behörden
Es wird wenig über Verordnungen berichtet, die die Behörden veranlassten, um die drohende Krankheit abzuhalten oder deren Verheerungen zu beschränken. Einer Maßnahme durch Behörden begegnen wir in Italien, dem wohl kultiviertesten der damals befallenen europäischen Ländern. Dort wurden Absperrungs-Maßregeln verabschiedet. Am frühesten, wie es scheint, in Venedig, wo wir im Jahr 1348 drei „Proveditori di sanitá" finden, von denen es im Jahr 1485 6 gab. Ob diese Maßregeln die erhoffte Wirkung zeigten, wurde schon damals bezweifelt.
So war das Volk also verlassen von dem Schutz der Machthaber und von der Kunst der Ärzte und erfand in seiner Not Mittel, um sich selbst zu helfen. Das, was sie sich ausdachten, war ganz dem Geist des 14. Jahrhunderts angemessen: blutige Selbstgeißelung von büßenden Geißlerscharen und die blutige Verfolgung der vermeintlichen Urheber des Verderbens, der Juden.
Die gesellschaftlichen Auswirkungen des schwarzen Todes
Mit den ergreifendsten Schilderungen haben Boccaccio, Petrarca, de Mussis, Covino und unzählige Andere die Auswirkungen und die Folgen der Seuche geschildert. Wir werden diese Schilderung nicht erneuern, sondern nur einen raschen Blick darauf werfen, was de Mussis treffend beschrieb.
„Allein in seinem Elend lag der Kranke in seiner Behausung. Kein Verwandter wagte ihm zu nahen, kein Arzt seine Wohnung zu betreten, selbst der Priester reichte ihm nur mit Entsetzen das Sakrament. Mit herzzerreissendem Flehen riefen Kinder ihre Aeltern, Väter und Mütter ihre Söhne und Töchter, ein Gatte die Hülfe des andern an. Vergebens! Und selbst die Leichen der Ihrigen wagten sie nur zu berühren, weil Niemand sich fand, der um Lohn sich den letzten Pflichten unterzog. Weder die Stimme des Heroldes, noch der Schall der Posaune, nicht Glockenklang, noch Todtenamt versammelte Freunde und Verwandte zur Leichenfeier. Die Leichname der Edelsten und Vornehmsten wurden von den Geringsten und Verworfensten zur letzten Ruhe gebracht, da unsägliche Furcht alle ihre Freunde und Genossen von dem Sarge zurückscheuchte.
Die Buße
Ausführlicher gedenken wir der moralischen Wirkungen, die der schwarze Tod auf die Gemüter der Menschen ausübte. Diese Wirkungen waren überaus verschieden. Die Kleinmütigen überließen sich Voll und Ganz dem überwältigenden Eindruck des Entsetzens und es wird nicht selten berichtet, dass der Tod nur aus Furcht eintrat. Die einzige Handlung, zu der die Verzweifelten noch fähig schienen, war die Buße. In Lübeck brachten die Kaufleute all ihr Gold zu den Kirchen und Klöstern. Als die Klöster, aus Furcht vor der Ansteckung, ihre Pforten verschlossen, warfen die Kaufleute das Gold über die Klostermauern hinein. Unzählige Reichtümer flossen in den Besitz der Kirche, teils als Geschenke der Reumütigen, teils als Vermächtnisse der Verstorbenen. Hierdurch gewann der Klerus zwar an Macht, es brachte aber auch mit sich, dass viele ungebildete, durch die Pest verwitwete Personen, in den geistlichen Stand eintraten.
Zügellosigkeit
Andere Personen nahmen die Pest zum Anlass, vor dem unvermeidlichen Untergang noch einmal die ungezügeltsten Freuden zu genießen. So gaben sich in Frankreich die Bewohner ganzer Städte der Lust des Tanzes hin. In Neuburg an der Donau feierte man Gastmähler und Hochzeiten, um die Todesgedanken zu verdrängen. Dasselbe berichtet Boccaccio auch von Florenz. In Bern veranstaltete der Magistrat sogar einen Faschingszug ins Simmental.
Am bedrückendsten aber ist der Anblick der moralischen Zustände, der sich überall unmittelbar nach der Suche zeigte. Die Menschen wurden zügellos. Dieses sittliche Verderben, sagt Covino, war größer als das leibliche. Kaum waren die Schrecken des schwarzen Todes an den entsetzten Völkern vorüber gegangen, als alle niederen Leidenschaften umso ungezügelter hervorbrachen, je leichter sie durch das reiche Erbe der bald vergessenen Opfer der Seuche befriedigt werden konnten. Es schien, als ob die furchtbare Nähe des Todes die Lust am Leben und am Genuss nur gesteigert habe. Die gemeinste Habsucht bemächtigte sich der Menschen, das Verbrechen erhob sich ungehindert, da es der weltlichen Macht an Gesetzeshütern fehlte. Diebstahl und Raub nahmen überhand und selbst die offenbare Lebensgefahr schreckte die zügellose Habsucht nicht ab, sich über das unbewachte Gut der Verstorbenen herzumachen.
Solche Frevel begingen mancherorts selbst die Geistlichen. Die Mönche der schwäbischen Klöster Weissenau, Ochsenhausen und Blaubeuren zogen nach Ulm, um ihre Reichtümer zu verprassen. Der Andrang der Pilger zum Jubiläum des Jahres 1350 war so ungewöhnlich groß, dass die größten Unordnungen aufkamen, und dass Karl VI., König von Frankreich, fünfzig Jahre später seinen Untertanen die Teilname an der Wallfahrt verbot, „im Interesse des Reiches sowohl als der heiligen Religion".
Wirtschaftliche Folgen und Bauernarmut
Zu den schlimmsten wirtschaftlichen Folgen der Pest, die hauptsächlich die ärmeren Stände heimgesucht hatte, gehörte der Mangel an Arbeitskräften. Der Lohn stieg zu einer solchen Höhe an, dass sich die Behörden genötigt sahen, außergewöhnliche Maßregeln einzusetzen. Durch den Verfall der Straßen und Brücken, heißt es in einem anderen französischen Bericht, wurde die Kommunikation erschwert, Handel und Industrie verschwanden fast vollkommen, der Landbau wurde fast ganz vernichtet. Die Hälfte des Bodens verwilderte, ganze Dörfer wurden verlassen und eingeäschert, es gab weite Landstrecken, auf denen man mehr wilde Tiere als Menschen traf. Dazu trug die Verödung des Landes durch die Pest ebenso bei, wie die Unterdrückungen der Bauern durch den Adel und zahllose Räuberbanden. Wenn wir hierzu noch die Erbitterung des Volkes über den, von den Juden systematisch betriebenen, Wucher rechnen, so können wir ahnen, dass die Verzweiflung schon damals die Bauern dazu trieb, sich sowohl gegen Adel und seine Burgen als auch gegen die Juden zu erheben.
Todesfreudigkeit
Daneben gibt es auch Berichte über Hochherzigkeit mancher Menschen. Am meisten wird die Berufstreue der Franziskaner gerühmt, von denen allein in Deutschland über 100.000 gestorben sein sollten. Mit noch größerer Todesfreudigkeit sehen wir die Mitglieder der weiblichen Orden erfüllt, von denen allein in Paris mehr als 500 in der Ausübung der Krankenpflege erlagen. Dennoch wurden ihre Reihen immer wieder durch neu Eintretende aufgefüllt. Solche Beispiele trugen in Vielen dazu bei, die Gedanken auf das Jenseits zu richten und selbst das lebensfrohe Kindesalter gab rührende Beweise todesmutigen Gottvertrauens. „Und hierüber", sagt die Mannfelder Chronik, „trug sich's dann gleichwohl zu, dass man die Leute, auch junge Kinder, sahe mit Freuden, etliche betend, etliche singend, von dieser Welt abscheiden."
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